„Nach Wochen hatte ich endlich den erhofften Termin beim Staatssekretär zur Vorstellung meines Projektes. Beide Seiten sind gut vorbereitet und wollen sich zwei Stunden Zeit nehmen, um alle Aspekte gründlich abzuwägen. Schließlich geht es im Ergebnis um die Zuweisung erheblicher Mittel aus seinem Etat. Zwischendurch bemüht sich seine Sekretärin zunehmend hartnäckig, ihm eine offensichtlich wichtige Information zukommen zu lassen. Er verweist sie höflich auf die vorher getroffene Absprache, für diese zwei Stunden nicht gestört zu werden. Wir können alle Fragen besprechen und das weitere Vorgehen festlegen. Ich verlasse zufrieden und mit einiger Zuversicht den Staatssekretär.“
Oder:
„Nachdem ich dem Staatssekretär auf Bitten seines Referenten über Wochen immer wieder Überarbeitungen meines Projektes per e-mail habe zukommen lassen, räumt er mir nun heute 30 Minuten ein, um sich ein finales Bild vom Stand der Dinge zu machen. Nach etwa 5 Minuten beginnt sein vor ihm liegendes Mobiltelefon zu blinken. Er wendet sich von meiner Präsentation ab und dem Text auf dem kleinen Ding zu. Kurz danach erhält er offensichtlich eine weitere wichtige Mitteilung. Er ist schon längst nicht mehr bei unserem Thema, sondern unübersehbar mit seinen Gedanken ganz woanders. Kaum mache ich eine kurze Pause, nutzt er diese und erklärt, dass er leider umgehend den Termin verlassen müsse. Dies ändere aber nichts an seiner grundsätzlichen Bereitschaft, mich weiterhin zu unterstützen. Ich möge bitte die Projektunterlagen, wie soeben besprochen, überarbeiten und ihm per mail erneut zukommen lassen…Mir war klar, dass er sich wie bisher schon, niemals für mein Projekt verwenden würde und verabschiede mich knapp.“
Stark verkürzt leitete so ein pensionierter Wissenschaftler einer renommierten Universität in einem lokalen indischen TV-Kanal seine Betrachtungen darüber ein, wie sehr das Mobiltelefon heute unser Leben beeinflusst. Wie sehr, zeigt sich gerade bei den Menschen in einem Entwicklungsland wie Indien. In vielen ländlichen Gegenden gibt es einen noch immer eingeschränkten Internet-Zugang. Neben Hunderten (nicht nur) mir höchst suspekter privater TV- und Radiokanäle sehe ich nur in einigen elektronischen und Print-Medien einen Zugang zu seriösen Informationen. Das gute alte Festnetz-Telefon verliere dramatisch an Bedeutung. Ohne den Sinn oder Unsinn der jeweiligen Nutzung des zunehmend potenter werdenden Mobiltelefones zu hinterfragen, nutze man es und mache sich unbemerkt mehr und mehr abhängig davon. So seine These.
Zurück nach Deutschland: Mein Sohn wurde als Student in Köln zur Kasse gebeten, weil er radfahrend telefonierte. Ein guter Freund musste unlängst sein Bedürfnis, auf einer deutschen Autobahn bei hoher Geschwindigkeit das kleine Ding in der Hand und am Ohr zu haben, mit einer erheblichen Summe bezahlen. Anders in Indien. Hier läuft derzeit ein Gerichtsverfahren gegen eine Autofahrerin, die, während sie telefonierte, einen Mann überfuhr, der im Ergebnis beide Beine verlor. Laut Medienberichten ist es mehr als ungewiss, dass sie dafür zur Verantwortung gezogen wird. Auch gibt man dem Verbot der Mobiltelefonnutzung beim Führen eines motorisierten Fahrzeuges nur bedingte Chancen. Über Radfahrer oder weitere Verkehrsteilnehmer denkt man nicht mal nach.
Über den Wahnsinn, der sich bei jeder Landung eines Inland-Flugzeuges abspielt, wenn die – überhaupt nicht jungen – Junkies nach endlosen zwei Stunden wieder an ihr Gerät müssen, hatte ich ja schon berichtet. Es macht mich, der ich für jede Minute der Nichterreichbarkeit dankbar bin, immer wieder sprachlos, zu sehen wie andere sich in banalen Belanglosigkeiten übertreffen und von Dingen berichten müssen, die ohne Sinn und Zweck sind und ohne die es über Jahrtausende ganz prima funktionierte.
Eine andere hiesige Gewohnheit, das Essen ohne Besteck nur mit der rechten Hand einzunehmen, bringt den indischen Smartphone-Junkie gegenüber dem westlichen eindeutig in Vorteil. Da die Linke ja nicht für das Essen benötigt wird, steht sie uneingeschränkt und ohne jede Unterbrechung für die Bedienung des besseren Ichs von Millionen Indern zur Verfügung. Was für ein trauriger Kulminationspunkt für die menschliche Zivilisation!
Aber halt, ich vergesse ja das Heer der „Headset User“. Vorteil Indien wieder ausgeglichen. Als ich vor einigen Jahren in Deutschland einen fast leeren ICE-Wagen betrat und einen jungen Mann laut reden hörte, seinen Gegenüber aber beim besten Willen nicht finden konnte, habe ich mich noch gewundert. Heute habe ich längst gelernt und genieße inzwischen diese für mich kostenlose Unterhaltung. Meist ist sie öde, manchmal aber auch ganz lustig. Einmal habe ich mich in ein laufendes Gespräch eingebracht. Das hat meinen gegenüber sitzenden Headset User doch sehr irritiert. Er fand es unmöglich, dass ich mich so ungehörig benahm. Als ich den Spieß umdrehte und meinerseits sein Verhalten in Frage stellte, ja als extrem unhöflich gegenüber anderen Mitreisenden bezeichnete, verließ er grußlos das Abteil.
Die heutigen Kids finden das ja offensichtlich völlig normal, dass sie voll verkabelt – oder nicht mal mehr das – laut redend allein oder in kleinen Gruppen durch die Stadt marschieren. Sie kommunizieren mit der Welt, nur nicht mit den Menschen, die unmittelbar um sie herum sind. Arme Kids – oder doch einfach normal?
Wenn ich da an meine eigene Kindheit denke. Da gab es auch hin und wieder welche, die laut redend durch den Ort zogen und der Welt alles Mögliche in Endlosschleifen erklärten. Wir Kinder hatten immer großen Spaß an denen und wurden am Abend dann von den Eltern gescholten, weil wir diese armen Verrückten, die meist als Traumatisierte des letzten verheerenden Weltkrieges oder warum auch immer nicht mehr wussten, was sie so erzählten, lustig fanden. So etwas gehörte sich nicht! Warum gehört sich so etwas eigentlich heute?
Aber ich möchte nicht vorschnell urteilen und uns, v.a. allen heavy usern der modernen Kommunikationsmittel gern Zeit einräumen. Es ist doch schön, dass Innovationen mit Euphorie begleitet werden, und in den letzten 20 Jahren sind wir ja wahrlich damit überhäuft worden. Also geben wir uns ruhig weitere 20 Jahre, um zunehmend so manche heutige Übertreibung abzubauen, manche fast schon sklavische Unterordnung unter die scheinbar unendlichen Möglichkeiten der schönen neuen Welt zu korrigieren und ausschließlich von den sinnvollen Dingen zu profitieren und für die wirklich wesentlichen Dinge im Leben mehr Zeit zu haben.
Vor zwei Jahren, als ich Josey kennenlernte, hat sein Mobile Phone ihn total dominiert, egal ob beim Essen, Autofahren und ich will nicht wissen, wobei sonst noch. Heute ist es beim Essen schlichtweg nicht in Hör- und Reichweite und beim Fahrradfahren (macht er inzwischen ganz passabel) bimmelt es sich halt aus und beim nächsten Trinkstopp unter einem schattigen Baum schauen wir dann mal, ob wir zurückrufen wollen, oder auch nicht.
Und wenn wir mit Josey – immer noch einer der Vieltelefonierer dieses Planeten – in nur zwei Jahren solche Fortschritte gemacht haben, dann werden die restlichen paar Milliarden Erdenbürger das in 20 Jahren doch auch hinbekommen, oder?



